Die wahren Killerspiele

Mai 1, 2009

Lange bevor der Begriff „Killerspiele“ das erste mal im Bezug auf Computerspiele auftauchte, wurde er schon vereinzelt im Bezug auf Paintball verwendet. Nun berichtet die Wolfsburger Allgemeine davon, wie in den Nachwirkungen von Winnenden auch diese Spiele wieder in den Fokus der Kritik geraten und der Landkreis Gifhorn rechtliche Mittel sucht, den Bau einer solchen Anlage im Wesensdorfer Hammerspark zu verhindern.

Überall wird über Amokläufe geredet und es werden Maßnahmen gefordert. Wir können die Ursachen dafür nicht bekämpfen, wenn wir gleichzeitig Einrichtungen erlauben, in denen die Hemmschwellen, auf Menschen zu schießen, abgebaut werden. Paintball ist Kriegsspiel

So die Landraetin Marion Lau. Aufhorchen lassen hat mich vor allem eine Aussage der Ratsherren von Wesensdorf, Reinhard Kahle:

Wir müssen aufpassen, dass da keine Gruppen Fuß fassen, die wir hier nicht wollen

Was da wieder fuer Vorstellungen herrschen, weiss ich beim besten Willen nicht. Eigentlich hatte ich schon eine Nachfrage via Mail formuliert, leider funktioniert die einzige eMailadresse, die ich von Herrn Kahle finden konnte nicht…

Killerspiele am Computer zu spielen ist keine Sache von Außenseitern

April 29, 2009

Das stellte der ehemalige Student Sebastian Todt schon 2007 in seiner Diplomarbeit fest.

Rund 75 Prozent der Schüler machen Computerspiele und fast alle von denen auch Killerspiele – unter den Schülerinnen spielen immer mehr, aber nur jede zehnte auch Ego-Shooter

schreibt SZ-Redakteur Harald Knitter in seinem Artikel und zitiert Todt:

Das widerspricht der Annahme, dass spezielle soziale Verhältnisse zu dem Spielen von Ego-Shootern wie Counterstrike oder Far Cry führen. Es spielt auch, wer sich integriert fühlt. Viele spielen im Team miteinander oder in Gruppen gegeneinander. Bei LAN-Partys schalten sie Computer zusammen. Es entstehen sogar virtuelle Bekanntschaften mit Spielern, die sie nur über das Netz kennen.

Interessant ist dabei, das Todt laut Artikel selber hin- und wieder Ego-Shooter spielt. Weshalb es mich wundert, dass er annimmt der Konsum solcher Spiele sei auf soziale Verhaeltnisse zurueckzufuehren.

Auf Sol.de heisst es zu der Arbeit noch:

Ob jemand vor kurzem selbst jemanden tätlich angegriffen hat, spielte keine Rolle. Wohl aber, ob er selbst kürzlich von jemandem gewaltsam angegriffen wurde: Unter den Opfern ist der Anteil der Ego-Shooter-Spieler höher.

Das lasse ich einfach mal unkommentiert im Raum stehen. Wie zuverlaessig eine solche Aussage aus einer Diplomarbeit ist moege bitte jeder fuer sich selbst entscheiden. Doch natuerlich kann das Thema nicht gaenzlich objektiv betrachtet werden. So ist dem Artikel auf Sol.de noch eine Meinung des Verfassers angehaengt (der wie beim SZ-Artikel Harald Knitter zu sein scheint):

Meinung
Ignorieren geht nicht mehr

Ob Killerspiele auf dem Computer harmlos oder gefährlich sind, kann die Diplomarbeit nicht lösen.

(soweit, so gut.)

Selbst große Studien haben Probleme, Ursache und Wirkung zu beweisen.

(Stimmt)

Aber die Erhebung der Nutzung zeigt, dass die meisten Jugendlichen am Computer spielen und von denen praktisch alle auch Ego-Shooter spielen: nicht Einzelne, nicht einzelne Gruppen, sondern fast alle.

(Ja, ist doch klar.)

Das Ergebnis stammt nicht von irgendwo, sondern von hier: Saarlouis und Nalbach.

(Richtig, schockierend?)

Da ist es ein Muss, dass sich Eltern und Lehrer damit befassen, womit ihre Kinder und Schüler ihre Zeit verbringen, und einen vernünftigen Umgang damit garantieren.

(Eher Eltern als Lehrer. Aber das Eltern sich ruhig mal mit ihren Kindern auseinandersetzen sollten, ist jetzt nicht unbedingt etwas was man speziell auf Computerspiele beziehen muss. Aber jetzt gehts los:)

Denn auch ohne Wissenschaft ist klar: Keiner darf ganz in die Welt des Schreckens abtauchen, die nur Gewalt als Lösung kennt. Sonst vermengen sich Realität und Scheinwelt.

Bitte was, Herr Knitter?! Man beachte: Kein Konjunktiv. Alles was er im voherigen Absatz richtig und journalistisch zufriedenstellend festgestellt hat, negiert der gute Herr hier und erinnert mich in seiner Ignoranz von Forschungsergebnissen schon fast an kreationistische Denkweisen.

Das Frustrierende daran ist,  dass bei all den Versuchen der Aufklaerung selbst Leute die diese Studien wirklich lesen und sich damit auseinandersetzen scheinbar keinen Deut von ihrer bisherigen Meinung abweichen.

Das Bild der einfachen Leute

April 28, 2009

Ich frage mich, was in deren Köpfen vorgeht.

Dieser Satz bezog sich nicht etwa auf Kriminelle oder Terroristen, nein, so Urteilte Martina Damm, Mutter zweier Kinder und Vorstandsmitglied der Ortsgruppe Solingen der Naturfreunde Deutschlands in einem Interview auf RP Online ueber die Entscheidungstraeger jenen Unternehmen, die ruecksichtslos „Killerspiele“ produzieren und vertreiben:

Gesetzesänderungen müssen her, nur mit Moralpredigten wird man der verantwortungslosen Profitgier dieser Unternehmer nicht beikommen können. […] Ich plädiere daher für einen generellen Verkaufsstopp derartiger Produkte per Gesetz.

Wenn ich solche Aussagen lese stell ich mir ebenfalls die Frage, was in deren Koepfen wohl vorgeht…

Volkswagenstiftung foerdert Aufklaerungsprojekt

April 25, 2009

Unter dem Titel „Improving the Media Relations of Social Science Research: The case of the violent video games debate“ foerdert die Volkswagenstiftung nun eine Studie, die sich damit beschaeftigen soll, wie unterschiedlich Journalisten Forschungsergebnisse auslegen und wie sich die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Medien verbessern laesst.

Am Beispiel der Killerspieldebatte

Bildungsklick.de fasst das Ziel der Studie wie folgt zusammen:

Kern des Projekts ist eine Studie, die die öffentliche Wahrnehmung sozialwissenschaftlicher Forschungsresultate zu „Killerspielen“ ermittelt – im Vergleich zwischen Deutschland und den USA. Dazu soll die Medienresonanz zur Forschung über das Thema Gewaltspiele qualitativ und quantitativ analysiert werden, um auf diese Weise typische Kommunikationsmuster der journalistischen Darstellung und der öffentlichen Wahrnehmung herauszuarbeiten. Christoph Klimmt von der Universität Mainz und seine Partner planen dabei auch den Schritt von der Theorie in die Praxis: Am Ende der Untersuchungen steht ein Workshop für Fachjournalisten auf dem Programm.

Insgesamt stellt die Volkswagenstiftung fuer das Vorhaben 316.400 Euro zur Verfuegung. Klingt auf jeden Fall interessant und ist eine erfreuliche Nachricht, dass Aufklaerungsarbeit in der Richtung auch mal in groesserem Massstab gefoerdert wird.

Im Auge des Betrachters?

April 22, 2009

Gestern lieferte das Heute Journal mal wieder einen Beitrag ueber Killerspiele (Video). Da ich selbigen leider aus Zeitmangel selbst noch nicht ansehen konnte. Verweise ich auf ein paar andere Seiten, die sich mit dem Beitrag beschaeftigten: So verfasste Stigma einen Artikel mit der Ueberschrift Brutale Computerspiele – Forscher warnen, auf Play3.de laeuft der Kommentar unter Heute Journal: „Resident Evil 5″ ist Sadismus pur, ebenso betitelt der Artikel von Gamezone.

Am besten gefiel mir jedoch der Beitrag von demonews. Dort wird naemlich zur Abwechslung auch mal gefragt, ob uns solche Ueberschriften denn besser machen als jene „Killerspiel“-Gegner, ueber die wir uns am laufende Bande beschweren. Definitiv lesenswert.

Nachtrag: Frei nach dem Moto, erst kritisieren, dann recherchieren hab ich mir den 3 Minuetigen Beitrag jetzt auch angeschaut. Fazit: Unglaublicher Bloedsinn, dem leider nichts fundiertes zu entnehmen ist. Allerdings sollte man sich auch den 2ten Beitrag (video) anschauen, der das ganze nochmal aus einer anderen Perspektive darstellt, und nur Spieler zu Wort kommen laesst.

GTA 4 in der Schuelerzeitung

April 20, 2009

In der Schuelerzeitung einer Grund- und Hauptschule im wuerttembergischen Geradstetten klagen 10 jaehrige Schueler ueber die Altersbeschraenkungen von GTA Vice City und GTA 4, so berichtete heute die FAZ. Der Autor Ruediger Soldt ist schockiert, dass  „Der Einzugsbereich der Schule […] auch kein sozialer Brennpunkt“ sei, und die ansaessigen Schueler scheinbar trotzdem diese gewaltverherrlichenden Spiele spielen wollen.

Zu der Frage, warum der Schulleiter Michael Gomolzig den Artikel nicht zensiert habe, heisst es

„Ich lehne Killerspiele ab, sie gehören heute aber zur Realität und zum Alltag von Zehnjährigen“, Die Eltern müssten sich intensiver mit den Freizeitaktivitäten ihrer Kinder beschäftigen. Der Amoklauf von Winnenden habe die Eltern für die Gefahren dieser Spiele sensibilisiert , sagt Gomolzig

Gerade der Teil ueber den „sozialen Brennpunkt“ macht schon wieder stutzig, was manche Leute denn fuer ein Bild von „Killerspielen“ und deren Konsumenten haben. Keine Frage: Wer solche Spiele spielt, muss ja schon von Kindheit an in Armut und gewalttaetigen Gegenden aufgewachsen sein…

Interview mit Herrmann

April 17, 2009

Gulli.com hatte die Gelegenheit, ein Interview mit Joachim Herrmann. Dort gibt er zum einem eine Definition fuer „Killerspiele“:

Killerspiele sind Computerspiele von abstoßender Brutalität und Grausamkeit. Sie gehören verboten, weil sie Gewalt verherrlichen. Es sind Spielprogramme, die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen darstellen und den Spieler selbst in die Rolle des Killers versetzen.

und gibt auch endlich mal so etwas wie Quellen an. Zumindest verweisst er auf die Wissenschaftler Dr. Gentile (Iowa), Dr. Hopf (München), Professor Dr. Huber (Tübingen), Dr. Weiß (Stuttgart), Dr. Ingrid Möller (Potsdam), Dr. Mösle (Hannover) und Prof. Dr. Pfeifer (Hannover) die in aktuellen Studien bewiesen haben sollen, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen steigender Gewaltsbereitschaft und dem Konsum von „Killerspielen“ besteht. Weiter sagt er, es sei „wissenschaftlich durchaus belegt, das bei Personen, die täglich mehrere Stunden am Computer spielen, Schwierigkeiten auftreten, die Realität von der fiktiven Spielewelt zu trennen„.

Auf die Frage zum Kinderpornovergleich gibt er an:

Ich möchte betonen, dass sich der Vergleich von Killerspielen mit Kinderpornografie nur auf die Schädlichkeit für den Nutzer bezieht. Demgegenüber wirkt sich der Konsum von Kinderpornos auch direkt auf die Herstellung der Filme und damit auf die geschändeten Kinder aus, und besitzt in dieser Hinsicht selbstverständlich eine ganz andere Qualität.

und bestaerkt mehrfach, dass Killerspiele von der Gesellschaft geaechtet werden sollten, und dass er genau dass erreichen moechte. Und wuenscht sich ein EU-weites (Werbe-)Verbot von Killerspielen, damit diese fuer die Publisher nicht mehr ertragreich werden.

Mal gucken ob ich die Woche mal Zeit finde, mich mit den genannten Wissenschaftlern auseinander zu setzen. Zumindest liefert er endlich mal etwas, womit man evtl. arbeiten kann.

Programmhinweis: Jenseits von Winnenden

April 16, 2009

Am 20.04.09 behandelt der SWR2 um 19:05 in der Sendung Kontext unter dem Titel „Jenseits von Winnenden“ das Thema „Wie schaedlich sind Computerspiele“

Programminhalt:

Nach dem Amoklauf von Winnenden fordern viele ein Verbot sogenannter Killerspiele. Doch die machen nur einen Teil der virtuellen Realität aus, in die Kinder und Jugendliche oft und immer länger abtauchen. Was zieht sie in die Parallelwelten ihrer Computer? Was lernen sie dort und was verpassen sie? Darüber sprechen wir mit einem ehemals Spielsüchtigen Jugendlichen und dem Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Auch wenn das Thema „Killerspiele“ dort wohl eher peripher behandelt wird vielleicht trotzdem sehenswert.

Vom virtuellen zum realen Moerder, die Zweite

April 15, 2009

Wie ich vor einigen Wochen schon berichtete, brachte die Nationalzeitung vor kurzem einen Artikel unter der Schlagzeile „Vom virtuellen zum realen Moerder“, nun ist dieser auch online einsehbar. Das der Artikel wenig objektiv oder gar investigativ ist, war ja schon vorher klar, das er sich aber als derartiger Bloedsinn entpuppt, damit haette selbst ich nicht gerechnet. Am besten einfach mal selbst lesen und munter lachen, viele Leser duerfte diese Zeitung damit ja kaum erreichen. Wenigstens liefert der Artikel endlich mal eine Definition, was denn ueberhaupt ein „Killerspiel“ sei:

„gewalthaltige bzw. gewaltverherrlichende Spielprogramme, die grobe, grausame oder unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen oder Tiere darstellen, thematisieren und dem Spielenden die Beteiligung an solchen Gewalttätigkeiten ermöglichen und die zudem geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu gefährden“

Gut zu wissen, dann besitze ich ja doch keine „Killerspiele“

Programmhinweis: Neues auf 3Sat

April 5, 2009

Auf 3Sat um 16:30 beschaeftigt sich heute die Sendung Neues mit dem Thema Gewalt in Computerspielen. Ich kopiere hier einfach mal die Programmbeschreibung, wie ich sie von gameswelt.de entnommen habe:

Machen brutale Computerspiele auch im echten Leben gewalttätig? Verrohen Kinder und Jugendliche wenn sie auf dem Bildschirm töten? Oder sind virtuelle und reale Gewalt grundverschieden und bedingen einander nicht? Diese Diskussion wird seit vielen Jahren durch verschiedene akademische Disziplinen hindurch kontrovers geführt.

Eine Studie der Harvard Universität scheint nun zu belegen, dass brutale Computerspiele nicht aggressiv machen. Neurologen der Universität Bremen wollen dazu herausgefunden haben, dass das menschliche Gehirn auf reale und virtuelle Gewalt vollkommen anders reagiert. Für einige Soziologen und Kriminologen bedeuten diese Studien aber noch keine Entwarnung.

Und nahezu alle Experten sehen Eltern nach wie vor in der Pflicht, darauf zu achten, dass ihre Kinder nur an die Spiele kommen, die auch für ihre Altersgruppe empfohlen sind. Hier schlägt das Europäische Parlament aktuell umfassende Veränderungen vor. Neues erklärt welche Kennzeichnungen es gibt. Wie funktioniert die deutsche USK? Was ist das europäische PEGI-System?

Klingt fuer mich auf jeden Fall sehenswert und scheint das Thema hinreichend kritisch zu betrachten.