Dagobert Lindlau dekonstruiert

In einer Talkshow bei Maybrit Illner (youtube) sagte  Dagobert Lindlau folgendes:

Die Amerikaner haben festgestellt, dass ihre Soldeten in bewaffneten Nahkampfsituationen zu 80% eine Hemmung haben den anderen niederzuschiessen, nach der Schulung mit solchen Dingern, die wir unseren Kindern zumuten sinkt das auf 20%. Das sind Zahlen, die nicht zu wiederlegen sind.

Diese Aussage bezeichnete Fokus Redaktuer Joachim Hinzel in seimen Artikel sogar als einzige ueberzeugende These eben dieser Sendung. Gund genug fuer mich, die Aussage mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Da mir derartige Studien nicht bekannt sind, fragte ich Herrn Lindlau nach einer Quellenangabe, die eben dieses bestaetigt. Schon ein paar Stunden spaeter bekam ich folgende Antwort:

Viele exakte Quellen. Die wichtigste:  Lt.Col.Dave Grossman: ON KILLING – The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society

(Das ist in der Tat die komplette Mail, auf jegliche Art von Grussformel verzichtete Herr Lindlau unverstaendlicher Weise). Das Buch selbst ist ein 400 Seiten starkes populaerwissenschaftliches Werk (wp: „Grossman nennt seine Thesen, nach denen eine natürliche Hemmung zu töten durch Konditionierung herabgesetzt werden kann, „Killologie“. In der Wissenschaft werden seine Publikationen nicht rezipiert.„), hat also zur Untermauerung seiner These schonmal einen sehr fragwuerdigen Wert. Zudem wurde es 1995 veroeffentlicht, ist also auf dem Stand der Forschung von vor 14 Jahren.

Trotzdem hab ich mich mal mit dem Werk beschaeftigt. Da Herr Lindlau darauf verzichtete, genauere Angaben zu machen und mir einfach die Zeit fehlt, das komplette Werk zu lesen beschraenkte ich mich auf den Abschnitt ueber Medien (also Filme und Videospiele). Dort fand ich dann einen Abschnitt, der zwar andere Zahlen nennt, aber auf den sich Herr Lindlau scheinbar bezog.

Dort erklaert der Autor, dass beim US-Militaer die normalen runden Schiessscheiben auf dem Schiesstand durch menschliche Pappaufsteller ersetzt wurden, die jeweils nur fuer kurze Zeit hochgefahren werden, in welcher der Soldat reagieren und sie umschiessen muss. Also im Prinzip das, was wir auch aus vielen Filmen und Videospielen kennen. Dadurch soll der Soldat lernen, innerhalb kuerzester Zeit zu reagieren. Ausserdem erhaelt er beim umschiessen instantan eine Rueckmeldung, ob er einen Treffer erzielt hat oder nicht. Weiter erklaert der Autor, dass die Soldaten fuer besonders gute Leistungen am Schiesstand belohnt werden „If he knocks down enough targets, the soldier gets a marksmanship badge and usually a three-day pass.„, wodurch eine konditionierung wie beim Pawlowschen Hund erfolgen soll. Der Autor schliesst den Abschnitt mit folgendem Absatz:

This process may seem simple, basic, and obvious, but there is evidence to indicate that it is one of the key ingredients in a methodology that has raised the firing rate from 15 to 20 percent in World War II to 90 to 95 percent in Vietnam.

Im weiteren vergleicht der Autor eben diese Schiessstaende mit den zu dieser Zeit sehr populaeren Lightgun-Shootern. Und geht sogar soweit zu sagen, dass im Gegensatz zu den Soldaten, die waehrend dieses Konditionierungsprozesses unter strenger Aufsicht stehen, jugendliche Spieler diese Konditionierung ohne jegliche Beaufsichtigung erfahren, und somit durch Computerspiele zu Killern erzogen werden.

Wenn man dies also einfach mal als Fakt hin nimmt und mit der Aussage von Herr Lindlau vergleicht, stellt man schon einen gewaltigen Unterschied zwischen Lindlaus und Grossmans Aussage fest. So spricht Grossman von der Konditionierung als Schluesselelement, um die Toetungshemmung zu unterbinden, waehrend Lindlau diesem Verfahrung eine Senkung um 60% zuspricht.

Jedoch ist schon Grossmans Aussage mit Vorsicht zu geniessen. So sagt er „es gibt Beweise“, ohne irgendwelche Quellen anzugeben. Das heisst ueber die Verfahren der Zahlenerhebung und Methodik eventueller Studien laesst er den Leser vollkommen im Dunkeln. Das macht seine Folgerungen natuerlich schwer angreifbar, was dem Autor wahrscheinlich ganz recht ist. Der weitere Abschnitt ueber die Konditionierung Jugendlicher behauptet nichtmal, dass es Beweise fuer die aufgestellten Behauptungen gibt,  sondern liest sich schlicht und einfach wie eine Schlussfolgerung, die Grossman fuer sich aufgestellt hat.

Prof. Dr. Thomas Hausmanninger der Universitaet Augsburg veroeffentlichte 2005 ein Review zu Grossmans Nachfolgewerk „Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht? Ein Aufruf gegen Gewalt in Fernsehen, Film und Computerspielen.„, welches scheinbar die Argumentation der Konditionierung weiter aufgreift. In selbigem wirft er Grossman vor, dass seine Thesen der monokausalen Zusammenhaenge zwischen Gewaltbereichtschaft in der Gesellschaft und Darstellung von Gewalt in den Medien schon lange widerlegt seien und spricht von einer undifferenzierten Betrachtungsweise Grossmans. Ein weiterer Grund Grossmans Aussagen mit einem gehoerigen Mass an Skepsis zu betrachten.

Als Fazit laesst sich also sagen, dass Lindlaus These keineswegs ueberzeugen kann, und seine Zahlen durchaus widerlegbar scheinen. Ich werde Herrn Lindlau auf diesen Artikel hinweisen, vielleicht liefert er ja doch noch eine der „viele exakten Quellen“, die sich dann als brauchbar herrausstellt.

Nachtrag: Lindlaus Antwort fand ich dermassen unhoeflich und ignorant, dass ich ihr einen eigenen Artikel gewidmet habe.

Nachrag 2: Einen weiterer, lesenswerter Artikel zu dem Thema wurde kuerzlich auf Computer Game Studies veroeffentlicht.

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4 Antworten to “Dagobert Lindlau dekonstruiert”

  1. herbert Says:

    sehr gut!
    mich interessiert brennend, ob er antwortet.

  2. roman Says:

    Hat er leider schon, siehe naechster Artikel.

  3. Stigma Videospiele » Blog Archive » Stochern im Nebel Says:

    […] über Shooter präsentiert. Auf Nachfrage verwies er auf die Bücher von Grossmann. In diesen konnte man jedoch keine Bestätigung für Lindlaus Aussagen finden. Könnte jemand beim ZDF nach den […]

  4. Stigma Videospiele » Blog Archive » Ergänzung Says:

    […] Es bleibt also allein die Meinung von Grossman übrig, dass Videospiele eine mit militärischen Trainingssimulationen vergleichbare Wirkung hätten. Diese Aussage wird von Prof. Dr. Michael Wagner wie folgt bewertet (Siehe auch hier.): […]

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